Caylus. Eine kleine Siedlung - eher nur ein Hügel, an dem sich ein Strässchen hinab windet, das ein paar Gebäude zieren. Warum sollte sich der König ausgerechnet um diese kleine unbedeutende Ortschaft scheren? Hier soll ein Schloss entstehen! Ein wirklich prächtiges Schloss. Doch außer den paar Gebäuden, die schon unterhalb der Brücke stehen wird mehr von Nöten sein, um ein ganzes Schloss zu errichten. Sehr viel mehr.
Die zwei bis fünf Spieler sind Baumeister, die durch geschicktes Planen und Einsetzen ihrer jeweils sechs Arbeiter möglichst viel zum Schlossbau beitragen und beim König und auch bei seinem Volk ordentlich Ansehen gewinnen wollen.
Mit anfangs nur 2 Denar pro Runde, sechs Arbeitern und ein paar Rohstoffen beginnen die Baumeister ihr Vorhaben und jeder Zug will wohl überlegt sein. Durch das Entsenden der eigenen Getreuen in bestimmte Gebäude in der Stadt kann man deren Vorteile ausnutzen und so zum Beispiel weitere Rohstoffe abbauen, neue Gebäude errichten oder auf die eine oder andere Art beim König imponieren. Auch zum Schloss kann man seine Arbeiter schicken, um dort an dem anstehenden Teil mit zu bauen.
Das Spiel Caylus erweist sich als sehr vielschichtig. Einerseits arbeitet es mit einem "starren" Phasen-Ablauf (es gibt in Caylus sieben verschiedene Spielphasen, die in jeder Runde durchlaufen werden), auf der anderen Seite ist das Spiel sehr wandlungsfähig: je nach Veranlagung und Ambitionen der Spieler ergeben sich vollkommen unterschiedliche Spiele, und schon eine kleine Entscheidung am Anfang kann den Spielverlauf sehr unterschiedlich prägen. Zum Beispiel ist es entscheidend, ob, und welche Gebäude als erste an der Straße von Caylus errichtet werden. Sind es Konstruktions- und spezielle Gebäude, so wird es wohl eher ein mageres Spiel, in dem Rohstoffe sehr knapp sind. Sind es Produktionsgebäude, so ist wohl ordentlich Baumaterial vorhanden, das man sehr klug und dosiert einsetzen muss um immer gleichauf mit den Mitspielern zu bleiben. In dem einen Spiel sieht man vielleicht gegen Ende ein, oder zwei Prestigegebäude, in anderen dagegen hagelt es Statuen, Bibliotheken und Universitäten.
Den König wird man in Caylus verzweifelt suchen solange das Schloss noch nicht fertig ist. Doch seine Untergebenen nehmen ihre Rolle sehr ernst: Der Vogt sorgt dafür, dass auch nur die richtigen Gebäude produzieren, und es kann - mit gutem Zureden der Händlergilde und etwas Schmiergeld - durchaus mal passieren, dass der Arbeiter eines Mitspielers sich in einem Gebäude, das diese Runde nicht vom Vogt aktiviert wird, die Beine in den Bauch steht. - Der Seneschall steht eine Stufe höher als der Vogt. Nach seinen Anweisungen wird beim Bau des Schlosses vorgegangen. Er bestimmt welcher der drei verschiedenen Bauabschnitte gebaut wird, beziehungsweise welcher wann beendet und abgerechnet wird.
Abrechnen heißt, dass die am Bauabschnitt beteiligten Baumeister Prestige und eventuell auch die eine oder andere Gunst des Königs erhalten.
Der Seneschall lässt sich ein klein wenig vom Vogt beeinflussen, aber ist bestrebt den Bau mit ordentlich Tempo voran zu treiben. Wenn er sagt, dass das Schloss fertig ist, ist es fertig, und es wird zum letzten Mal abgerechnet!
"Genial" wäre etwas übertrieben, dazu ist Caylus zu speziell. Es ist sicherlich sehr gut gelungen, die Mechanismen sind alle schlüssig, durchdacht und treiben das Spiel voran. Dem einen oder anderen mag es dennoch ein wenig zu abstrakt wirken, und, wer seinen Kopf nicht anstrengen will, der wird mit Caylus nicht Freund, denn in den anderthalb Stunden, die man um Prestige buhlt, muss viel ge- und bedacht werden. Das nicht alles so offensichtlich vor einem liegt macht das Spiel aus und interessant, denn kleine Fehler verzeiht das Spiel manchmal, schwerwiegende bestimmt nicht.
Alles, was man am Schluss hat, ist hart erarbeitet. Auch das Schloss, das nun den Hügel von Groß-Caylus ziert.
[Anmerkung: Wir haben die "Caylus Premium Limited"-Version des Spiels gespielt und auch fotografiert, die von Mike Doyle entworfen wurde. Das ursprüngliche Spiel ist weniger schön dafür etwas übersichtlicher. Die Standard-Version würde bei Ästhetik auf 62 kommen und somit die Gesamtnote auf 79 Punkte drücken. Diese Version kostet auch nur ca. 25,- Euro.]